Fasten-Gedanken (7): Bier Ja, Suppe Nein!

So ist das Leben: Fasten darf man. Arbeiten muß man (sofern man nicht Urlaub hat). Deswegen kommen nun ja die Fasten-Gedanken nicht mehr regelmäßig tagsüber, sondern oft kurz vor Mitternacht. Aber sie gelten ja auch für den nächsten Tag. Und darüber hinaus.

Gestern hatten wir e ja mit dem Fasten-Thema Nummer 1: Fleisch. Kommen wir also zum Thema Nummer 2, das knapp dahinter (oder für viele sogar davor) liegt: Alkohol (und andere Getränke). Schauen wir also auch hier, was die Kirchenväter und andere Altvordere dazu sagen.

Dazu frag ich einmal mehr meine Freunde von Wetter und Welte’s Kirchenlexikon, die schon an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Freiburg aus Sicht der katholischen Kirche die ganzen Debatten aus alter Zeit vorbildlich zusammengefasst haben. Demnach sind  „mit dem Fasten alle Getränke vereinbar, welche nur zur Stillung des Durstes oder zur Förderung der Verdauung dienen“. Beispiele gefällig?   „Kaffee, Thee, Limonade, Zuckerwasser“. So weit, so gut!

Aber auf der Liste der erlaubten Gegenstände stehen in diesem Zusammenhang aber ausdrücklich „Bier und Wein“. Das mag den einen oder anderen Zeitgenossen von heute zwar irritieren oder gar schocken. Aber dem ist nun mal so.

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Wäre im Mittelalter überhaupt kein Problem gewesen: ein Glas Wein zur Fastenzeit (hier ein Viertele in der Stube des Himmelswälder Hofs, einem Weingut bei Durlach in der Ortenau).

Verpönt waren hingegen,“solche Getränke, welche nur Speisen in flüssigem Zustande sind und zur Ernährung dienen – wie Milch und Suppen“. Da muss sicher heute so manche(r) heftig streiten.

Und dieser Streit entfaltete zuweilen bizarre Blüten. Nichts einzuwenden war nach katholischer Leute, die dieses Standardwerk exakt wiederzugeben versuchte, gegen den „einmaligen Genuß von einer kleineren Quantität Chocolade, welche mit Wasser gekocht ist, außerhalb der Mahlzeit“. Aber die Autoren räumten selbst ein: „Es läßt sich indessen nicht läugnen, daß eine Tasse Chocolade wohl nicht weniger Nahrungsstoff enthält als eine Tasse Milch.“

Wie also kommt man aus der Kiste wieder raus? Es komme wohl mehr auf das Verbot der Milch („Lactinien“) als auf die Kalorienzahl an. Man muss halt nur wissen, wie man solche Dinge begründet.

Das wussten auch die Mönche in Bayern, denen im Mittelalter sogar jegliches Essen verboten war. Also griffen sie statt zum Teller lieber zum Krug. Sie erinnerten sich der Regel „Liquida non frangunt jejuneum – Flüssiges bricht das Fasten nicht“. Und erfanden das Starkbier. Das sorgte nicht nur für genügend Kalorien, sondern auch für gute Stimmung.

Schlitzohrig, wie die Bayern nun mal sind, übernahmen sie den Brauch auch fürs weltliche Leben. Gerade eben, kurz vor Mitternacht am 25. Februar 2015, geht nämlich der legendäre Starkbier-Anstich am Münchner Nockherberg zu Ende. Da wird die Prominenz beim Paulaner-Bräu gewaltig durch den Kakao (wie gesagt in der Fastenzeit erlaubt) gezogen. „Ableckt“, heißt es dort. Und die Bajuwaren feiern einen zweiten Fasching. So sind sie halt. Gönnen wir es ihnen.

Fasten-Gedanken (6): Fleischliche Gelüste.

Eine Woche lang haben wir uns nun schon gemeinsam mit dem Fasten befasst. Die erste der „sieben Wochen ohne“ (die real ja fast acht sind, wenn man die Sonntage mit einrechnet) ist vorüber. Zeit also, sich dem zuzuwenden, was wohl die meisten mit  dem Fasten in Verbindung bringen: dem Fleisch.

Ob man es isst oder nicht, das ist schon regelrecht zum Politikum geworden. Auch jenseits der Fastenzeit. Kann man ja auch verstehen, wenn man die aktuelle Statistik verfolgt: Laut Maria Heubuch, die nicht nur Europaabgeordnete der Grünen, sondern auch Bäuerin im Allgäu ist, wurde nämlich im vergangenen Jahr in Deutschland mehr Fleisch produziert als jemals zuvor – insgesamt 8,18 Millionen Tonnen. 80 Million Deutsche zugrunde gelegt, bedeutet das: Rund 100 Kilo pro Kopf. Oder 273 Gramm pro Tag. Mehr als zehn Mal so viel, wie Rumäniens Diktator Nicolae Ceaușescu seinen Untertanen zugestehen wollte. Aber in deren Wohnungen durfte es ja auch nicht wärmer als 14 Grad sein.

Maria Heubuch hat recht: Diese Zahl ist umso erschreckender, als immer mehr Menschen gar kein Fleisch mehr essen und ins Lager der Vegetarier oder gar Veganer gewechselt sind. Der Rest aber scheint umso mehr fleischliche Gelüste zu hegen und zu pflegen. Oder auch nicht. Denn die Politikerin weist in ihrer Pressemitteilung auch darauf hin, dass „über eine aggressive Handelspolitik versucht wird, noch mehr Fleisch in alle Welt zu exportieren“. Da gingen EU-Kommission und Bundesregierung Hand in Hand.

Ein herrlicher Anblick: Kühe aus einer oberschwäbischen Weide (wie hier bei Kloster Sießen). Leider gibt es ihn in Deutschland viel zu wenig. Die Massentierhaltung hat die Oberhand.
Ein herrlicher Anblick: Kühe aus einer oberschwäbischen Weide (wie hier bei Kloster Sießen). Leider gibt es ihn in Deutschland viel zu wenig. Die Massentierhaltung hat die Oberhand.

Wohlgemerkt: Ich esse gern Fleisch. Von einem Tiroler oder Kärntner Almochsen zum Beispiel, der sich zuvor der herrlichen Natur dort oben in den Bergen und der Kräuter, die in buchstäblich luftiger Höhe wachsen, erfreuen konnte. Aber ich halte nichts von Massentierhaltung, die dann auch noch dem Export dienen soll und nur durch massiven Einsatz von Antibiotika möglich wird. Maria Heubuch berichtet, dass im Europaparlament derzeit die Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung neu geregelt werden soll. Hoffen wir nur, dass die Lobbys nicht am Ende wieder stärker sind. Der Deutsche Bauernverband soll angeblich schon versuchen, auf die Bremse zu treten.

Aber auch der Verbraucher ist hier gefordert: So lange die Supermärkte und auch die Gasthäuser gestürmt werden, wenn das Fleisch zu absurd niedrigen Preisen verschleudert wird, wird sich nichts ändern.

Ich finde: Nirgendwo sonst ist der „rote Faden“ dieser Fasten-Gedanken so berechtigt wie hier: „Weniger ist mehr!“ 100 Gramm Steak aus naturnaher bäuerlicher Landwirtschaft bieten mehr Geschmack und mehr Genuss als ein Pfund (oder mehr) „billigen“ Fleischs aus Massentierhaltung.

Auch das kann die Fastenzeit bewusst machen. Aber nicht erst jetzt. Sondern schon seit langem. Was ich hier erzähle, ist ja nichts Neues. Sondern im Grunde schon altbekannt. Aber es verhallt wohl im Winde. Denn sonst hätte es den von Maria Heubuch vermeldeten „Rekord“ ja nicht gegeben.

Fasten-Gedanken (5): Ein Blick nach Indien

Fasten – das kann eine Herausforderung sein. Manchmal ärgerlich. Oft nervend. Damit haben wir uns in diesem Blog in den vergangenen Tagen befasst. Nicht zuletzt mit den Vorschriften bei uns in Mitteleuropa und in den orthodoxen Kirchen. Nun geht es aber mal ans Eingemachte. Nicht um zeitweiligen Verzicht. Sondern um das, was eindeutig Not bedeutet: Hunger.

Der herrscht (außer in den Wohlstandsländern) an allen Ecken und Enden der Welt. Ich war nicht überall. Aber an einem Brennpunkt dann doch: Indien. Ein riesiges Land. Mit über einer Milliarde Menschen. Millionen leben dort in bitterer Armut. In Ghettos. Oder sogar am Straßenrand. Unter Plastik-Planen.

Erträglich ist das wohl nur durch den (hinduistischen) Glauben. Motto: Wer darben muß, hat quasi „selbst schuld“. Karma. Irgendwas hat er (oder sie) im früheren Leben eben falsch gemacht. Da bin ich ja froh, daß ich Christ sein will und hoffe, nicht ständig wiedergeboren werden zu müssen, sondern am Ende auferstehen darf. Und durch Fasten Buße tun kann (aber nicht muß). Und nicht durch eine ewige Wiedergeburt, den Mist, den ich mache, gemacht habe und künftig machen werde.

Aber es ist ja auch so: Vielleicht ist ja gerade das Karma der Kitt, der die Gesellschaft in diesem Sub-Kontinent überhaupt zusammenhält. Oder zusammenhalten kann. Denn nur das ermöglicht es aus meiner Sicht, daß Millionäre und arme Schlucker direkt nebeneinander leben (können). In Europa hätten wohl spätestens 1789 da die Armen die Messer (oder die Guillotinen) gewetzt.

Aber darum soll es jetzt im Grunde nicht gehen. Wer als Nürtinger (oder Deutscher oder Europäer) über einen Markt in Indien geht, dem gehen die Augen über ob der Fülle an Obst und Gemüsen, die dort herrscht. Nicht nur in der Mega-City Calcutta, wo ich 2012 im Rahmen des Projekts „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts als Austausch-Jourrnalist bei der „Times of India“ zu Gast sein konnte.

Sondern auch draußen auf dem Land. Zum Beispiel (und wahrlich nicht nur) in Karanjali. Dorthin hat mich mein Kollege und Freund Basav Bhattacharya an einem Wochenende mitgenommen. Wir waren auch gemeinsam auf dem Markt.

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Eine Augenweide: der Markt von Karanjali in West-Bengalen. Trotz all der Fülle hungern in Indien Millionen.

Mir ist das Wasser im Munde zusammen gelaufen. So viel frisches Gemüse! Unglaublich! Basar weiß, was ich denke. Und sagt: „Jürgen, in Indien müßte niemand hungern! Wenn wir nur genügend Kühlhäuser hätten, um die großartigen Produkte unserer Bauern ein paar Tage länger haltbar zu machen. In der Hitze bei uns verdirbt alles viel zu schnell!“

Das hat mich schon vor Jahren ins Grübeln gebracht. „Hungerhilfe“ heißt bei uns immer: Nahrung zu schicken. Aber mir wird immer bewusster: Das ist der falsche Weg.

Oder um es mit dem „roten Faden“ dieses Blogs („Weniger ist mehr“) zu sagen: Weniger Reissäcke und dafür mehr Kühlhäuser – das wäre wohl der richtige Weg. Danke Basav, daß Du mir in Deist Richtung die Augen geöffnet  hast!

Fasten-Gedanken (4): Protest in Wurst-Form

Fasten war nicht immer populär. Auch im Mittelalter nicht, als die strengen Vorschriften noch weitgehend befolgt wurden. Gerade in reformatorischen Kreisen ging man eher auf Distanz.

In der Schweiz zum Beispiel genießt der 9. März 1522 eine nachgerade historische Bedeutung. Ähnlich wie Martin Luthers Thesenanschlag knapp fünf Jahre zuvor in Wittenberg. Vordergründig ging es um etwas recht Banales: Am Sonntag Invokavit (wie heute der erste in der Fastenzeit – der Name rührt von dem Vers aus Psalm 91 „Wenn er mich anruft, so will ich ihn erhören“) saßen im Haus des Druckers Christoph Froschauer ein paar Leute zusammen und aßen ein paar Würste. Danach würde heute kein Hahn mehr krähen, doch damals war es ein Politikum.

Es handelte sich nämlich um eine Solidaritätsaktion für den Bäckermeister Heini Aberli, der sich erdreistet hatte, am Aschermittwoch im Zunfthaus „Zum Weggen“ einen Braten zu essen. Das hatte ihm eine Anzeige beim Magistrat eingebracht. Der Drucker war darob empört und lud für den nächsten Sonntag lokale Prominenz und einige Geistliche zu sich ein.

Zuerst war man ganz brav: Zum Auftakt servierte man nämlich Zürcher Fasnacht-Chuechli – zwar etwas verspätet, aber doch korrekt, handelt es sich dabei doch um ein ohne Ei hergestelltes Hefe-Gebäck. Doch dann kam es knüppeldick: Viele in der Runde ließen sich nämlich die dünne Scheiben von über einem Jahr gelagerten Rauchwürsten munden. Ein Eklat. Ein gewollter indes. Denn man wollte die neue Freiheit eines Christenmenschen demonstrieren. Nur noch das sollte (wie Martin Luther und sein Schweizer Pendant Huldrych Zwingli predigten) gelten, was in der Bibel steht.

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Auch eine Rauch-Wurst (hier vom Wildschwein) kann ein Politikum sein – zumindest in Zürich.

Der Schweizer Reformator gefiel sich aus diesem Anlass übrigens eher im Lavieren: Er war zwar dabei, schaute aber nur zu – und griff nicht selbst zur Wurst.  Vielleicht wollte er sich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Denn die Basler ließen es kurze Zeit später mit dem Protest etwas opulenter angehen – und sich ein Spanferkel auftischen.

In einer Predigt zeigte Zwingli zwei Wochen nach Invokavit am Sonntag Oculi („Meine Augen schauen stets auf den Herren“) dann doch Flagge: „Vom Erkiesen und der Fryheit der Spysen“ löste eine hitzige Kontroverse aus: Es blieb nicht bei Beschimpfungen. Fasten-Fans und -Gegner verprügelten sich auch. Und Zwingli sollte gar entführt werden. Aber am Ende behielten er und seine Freunde dennoch die Oberhand: Ein Jahr später wurden in Zürich die Fastengebote aufgehoben. Die Reformation hatte sich endgültig Bahn gebrochen.  Zumindest in Zürich.

Und in diesem Fall bedeutet die Redewendung „Das ist mir Wurst“ im Grunde genau das Gegenteil von dem, was man heute drunter versteht: Die Zürcher Rauchwurst war kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern ein Bekenntnis. Politisch und religiös.

Fasten-Gedanken (3): Minestrone Tirolese

Um das, was man in der Fastenzeit essen darf, wird zuweilen heftig diskutiert. Mitunter sogar heftig gestritten. In einem dürften sich jedoch alle einig sein: Eine italienische Minestrone ist ganz sicher völlig unbedenklich. Sofern man auf die Zugabe von Pancetta (dem köstlichen luftgetrockneten Bauchspeck) verzichtet. Aber für sieben Wochen kann man das ja schon mal machen.

Wobei Minestrone nicht gleich Minestrone ist. Es gibt nämlich durchaus Variationen. Im Norden Italiens gehören im Prinzip immer Wirsing und Bohnen dazu. In der Brühe werden aber auch Staudensellerie, Karotten, Lauch, Erbsen, Tomaten und Kartoffeln mitgekocht – je nachdem, was man gerade zuhause hat. Zwiebeln, Knoblauch und Parmesankäse runden den Geschmack ab. Und damit man etwas Habhaftes im Magen hat, gibt man in der Lombardei Reis (natürlich am besten aus der Po-Ebene) und in Ligurien und der Toskana Nudeln hinzu. Auch geröstete Weißbrotscheiben sind beliebt.

In der Hafenstadt Genua ersetzt man die Pancetta durch Auberginen, Pilze und Pesto. Im Bergland der Abruzzen wird das vegetarische Element indes etwas in den Hintergrund gedrängt: Da schwimmt nicht nur der Speck in der Minestrone, sondern auch Schweinskopf. Da ist es eine Kleinigkeit, dass Wirsing und Bohnen in diesem herrlichen Gebirgszug Weißkohl und Linsen weichen müssen.

Das Gute für Hobbyköche: Man muss sich nicht sklavisch an derlei Vorgaben halten. So sind wir heute einfach mal der Intuition gefolgt und haben in Reutte in Tirol eine Minestrone Tirolese gekocht. Einfach so „frei Schnauze“.

So sieht sie aus: die Minestrone Tirolese: Wohl bekomm's!
So sieht sie aus: die Minestrone Tirolese: Wohl bekomm’s!

Was drin war? Natürlich keine Fleischbrühe. Aber: Kartoffeln, Süßkartoffeln, Karotten, Tomaten, Weißkraut, Lauch, Erbsen. Würze verliehen Tomatensauce, indisches Masala und Oberskren (Sahnemeerrettich). Und dann kamen noch Nudeln (Penne) dazu.

Den Gästen hat es prima geschmeckt. Wobei wir wieder bei unserem Fasten-Leitgedanken „Weniger ist mehr“ wären. Hier zeigt sich seine Fragwürdigkeit: Ich glaube nicht, dass weniger Gemüsesorten zu mehr Geschmack geführt hätten…

Fasten-Gedanken (2): Die Sache mit dem Fisch

„Er ist weder Fisch noch Fleisch“ – so sagt man von einem Menschen, bei dem man nicht so genau weiß, woran man ist. Fügt man im zweiten Wort nur ein einziges S hinzu, ist klar: Es handelt sich um einen orthodoxen Christen, der gerade fastet. Der isst weder Fisch noch Fleisch. Bei uns in den Westkirchen ist in der Fastenzeit das erstere erlaubt, das letztere aber verboten. Warum eigentlich?

Nicht einmal das sonst „allwissende“ Wikipedia findet da auf die Schnelle eine Antwort. Man muss sich quasi durchhangeln. Aber auch so was kann ja interessant sein. Da erfährt man zum Beispiel, dass bei den Urchristen das Fasten zwar eine große Rolle spielte, aber keine Pflicht  war. Das wurde es offenkundig erst im 3. Jahrhundert. Und auch nur als „Kurzversion“: am Karfreitag und Karsamstag. Aber dann total. Später galt die Faustregel 4+2: An den beiden Tagen vor Ostern soll gar nicht gegessen werden, in der ersten vier Tagen gab es Wasser, Brot und Salz (was ja später in den Gefängnissen zur Dauereinrichtung wurde).

Das 40tägige Fasten kam erst rund hundert Jahre später auf – die ältesten Dokumente darüber stammen aus dem Konzil von Nicäa . Da ein völliger Verzicht auf Essen über sechs Wochen hinweg wohl nicht möglich ist, legte die Kirche fest, was erlaubt ist, und was nicht. Und: Nur einmal am Tag durfte man eine sättigende Mahlzeit zu sich nehmen.

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Im Mittelalter wurde in den Klöstern besonders streng gefastet – hier ein Detail aus Kloster Bebenhausen bei Tübingen.

Wie aber kommt es dazu, daß Fisch während der Fastenzeit erlaubt ist? Schließlich muß für diese Fastenspeise ja auch ein Tier sein Leben lassen. Eine Antwort findet sich zum Beispiel in „Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon“, einer „Enzyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften“, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Freiburg erschien.

Ein wichtiger Grund scheint zu sein, daß ein Fisch nicht blutet. So weit, so gut (oder schlecht). Etwas befremdlich mutet es indessen an, dass die reine Fasten-Lehre auch den Verzehr von „Thieren mit rotem kalten Blute“ erlaubt (warum auch immer). Unter anderem der Heilige Alfonso Maria di Liguori (ein Süditaliener) hatte sich da im 18. Jahrhundert vertiefte Gedanken gemacht: Er hatte nichts dagegen, während der Fastenzeit Schnecken, Schildkröten, Frösche, See- und Flusskrebse, Muscheln und „andere Schal- und Weichthiere“ zu verspeisen. In manchen Gegenden waren (wohl auf Grund des Gewohnheitsrechts) sogar Fischotter und Biber erlaubt – wobei heutzutage wohl zumindest in Mitteleuropa niemand auf die Idee käme, sich daran gütlich zu tun.

Die Erlaubnis, Fisch zu essen, wurde zumindest früher auch damit begründet, daß „dieselben weniger Nahrungsstoff enthalten als Fleisch von Landthieren und keinesfalls den Organismus so sehr wie diese erhitzen und erregen“.

Und es gab auch einen ganz pragmatischen Grund, dem Fisch eine „Sonderstellung“ unter den Tieren einzuräumen: In vielen Gegenden gebe es um diese Jahreszeit einfach nicht ausreichend vegetarische Nahrung.

Fasten-Gedanken (1): Wie es die Russen machen (sollen)

Zugegeben: Ein Tag ohne Kaffee – das war schon gewaltig hart. Erst der Verzicht darauf hat mir wieder klar gemacht, wieviel davon ich davor bis Aschermittwoch konsumiert habe. Aber man sollte nicht zu wehleidig sein, auch wenn zudem Fleisch und Süßigkeiten jetzt mal sieben Wochen von der Einkaufsliste gestrichen sind.

Denn andere müssen, sollen oder wollen sich gleich noch mehr am Riemen reißen: Die russisch-orthodoxen Christen kennen zum Beispiel gleich vier Fastenzeiten im Jahr – grob gesagt, in jeder Jahreszeit eine.

Zwischen Pfingsten und Peter und Paul (am 29. Juni) wird zum Beispiel das Apostel-Fasten begangen. Auch zwei Wochen vor Maria Himmelfahrt (die Ostkirchen sagen „Maria Entschlafung“) wird Verzicht geübt – also in den ersten beiden August-Wochen. In dunkler Erinnerung dürfte so manchen deutschen Christen auch noch sein, dass früher hierzulande auch im Advent gefastet wurde. Allerdings nur rund vier Wochen. Die orthodoxen Glaubensgeschwister legen schon zwei Wochen früher los: Das Philippus-Fasten (benannt nach dem Apostel, dessen Gedenktag an diesem Tag begangen wird) startet am 15. November und dauert bis Heiligabend. Deswegen ist der Ausdruck „Weihnacht-Fastenzeit“ in Russland auch gebräuchlicher als „Advent“.

Die wichtigste Fastenzeit der Orthodoxie läuft allerdings auch jetzt: „Heilige“ oder „Große Vierzigtägige“ Fastenzeit wird sie gennant. Und ihr wird sogar noch eine achte Woche vorgeschaltet: die „Milchwoche“. Da läuft in Sachen Fleisch nichts mehr, dafür aber darf in der „Maslenitsa“ bei Milch, Milchprodukten und Eiern ausgiebig zugeschlagen werden.

In der Orthodoxie hat Fasten aber auch sehr viel mit Reinheit und Reinigung zu tun. Gläubige Russen putzen am ersten Fasten-Tag, dem „Reinen Montag“, gründlich ihr Haus oder ihre Wohnung und schwitzen in der Banja (wie die Sauna in Russland heißt), um allen (körperlichen oder seelischen) Dreck loszuwerden. Essen darf man an diesem Tag (genauso wie am Karfreitag) als orthodoxer Christ eigentlich gar nichts.

Danach herrschen strenge Sitten: Kein Fleisch mehr. Keine Milchprodukte. Keine Eier. Kein Fisch. Veganer würden ihre helle Freude haben. Montags bis freitags sind sogar pflanzliche Öle untersagt.

Den köstlichen Matjes aus dem "Kreuz" in Rieden bei Reute in Tirol dürften russische Fastende nicht essen.
Den köstlichen Matjes aus dem „Kreuz“ in Rieden bei Reutte in Tirol dürften russische Fastende nicht essen.

Wer meint, die Russen müssten also in den nächsten Wochen bitteren Hunger leiden, der täuscht sich dennoch. Es gibt nämlich auch Dinge, die erlaubt sind: Brot (hauptsächlich aus Vollkorn), mit Wasser gekochte Breie, Gemüse, Hülsenfrüchte, Pilze und Früchte. Und die russischen Frauen schaffen es, daraus auch durchaus köstliche Dinge zu zaubern: Piroggi (mit Weißkraut und Zwiebel oder wahlweise auch Pilzen, Mohn, Erbsen oder Beeren gefüllte Teigtaschen), Bohnensuppe mit Walnüssen oder die (allerdings nur in Wasser statt Brühe gekochte) Kohlsuppe mit dem für westliche Zungen fast unaussprechlichen Namen Schtschi.

Nun sollte man nicht gleich denken: „Das schaff ich sowieso nie!“ Denn auch in der russischen Orthodoxie gilt offenkundig: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“ Laut der Internet-Seite russlandjournal.de hat eine Meinungsumfrage nämlich ergeben, daß nur vier Prozent der Menschen in Russland vorhaben, diese strengen Regeln wirklich die ganzen 48 Tage durchzuziehen. Weitere sechs Prozent wollen in der letzten Woche einsteigen. Um die 80 Prozent hätten sich indes in den letzten Jahren „ganz normal ernährt“.

Das nimmt einem ein bißle das schlechte Gewissen. Oder um auf den „roten Faden“ dieses Blogs zurückzukommen: „Weniger ist mehr“ könnte hier bedeuten: Weniger strikte Vorschriften – mehr Fastende!

40 Tage ohne: Weniger ist mehr!?

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ – so heißt ein alter Faschingsschlager. Jupp Schmitz, der Kölsche Jeck, hat ihn gesungen. 1953. Seither ist viel Wasser den Rhein hinunter geflossen. Und immer mehr Menschen wissen: Am Aschermittwoch ist keineswegs alles vorbei. Es kann sogar erst richtig anfangen. Zum Beispiel das Fasten.

Was noch vor zwei, drei Jahrzehnten als Kasteiung galt, empfinden immer mehr Menschen regelrecht als Befreiung. Der Aschermittwoch ist für sie so etwas wie das Tor, hinter dem der Weg zu sich selbst wartet. Nun kann man Ballast abwerfen, seine eigenen Grenzen austesten (und auskosten), den Blick aufs Wesentliche richten. Selbst mitten im Alltag.

Der Fasten-Klassiker ist wohl der Alkohol. Oder das Fleisch. Aber viele versuchen mittlerweile auch auf andere Dinge zu verzichten: Sie schalten den Fernseher nicht mehr ein, fahren mit Bussen, Bahnen oder Fahrrad statt mit dem Auto, wollen keine Süßigkeiten mehr essen, versuchen, das Internet zu meiden. Oder kombinieren mehreres miteinander.

Aschermittwoch in Tirol: mit der Fastensuppe der Katholischen Frauenbewegung in Ehenbichl
Aschermittwoch in Tirol: mit der Fastensuppe der Katholischen Frauenbewegung in Ehenbichl

Wofür sich nun jeder (oder jede) einzelne entscheidet, ist völlig Wurst (wobei dieser Ausdruck zugegebenermaßen in einem Blog über das Fasten ziemlich unangebracht ist). Es geht um die Begegnung mit einer Tradition, die wohl in allen großen Welt-Religionen verankert ist, eine Zeit lang auf etwas zu verzichten, um den Blick wieder aufs Wesentliche richten zu können.

Und so hab ich mich heute auch einmal mehr auf den Weg gemacht – das Fastensuppenessen der Katholischen Frauenbewegung in Ehenbichl bei Reutte in Tirol war ein idealer Auftakt  dazu. Jetzt geht’s los!

Ich finde, die Fastenzeit ist auch ein idealer Anlass, dieses Blog wieder aufleben zu lassen. Wann sonst könnte man sich Zeit nehmen und die Zeit lassen, den Tagesgedanken nachzuhängen?! Das müssen gar keine großen Dinge sein, auch Alltagserlebnisse und Alltagsbegegnungen prägen den Weg zu sich selbst. Vielleicht gerade sie.

Die christlichen Kirchen haben das Fasten wieder (oder vielleicht neu) entdeckt. „Sieben Wochen ohne“ ist zum geflügelten Wort geworden. Und auch die Botschaft „Weniger ist mehr“ tönt immer wieder durch die Lande. Ihr möchte ich bis Ostern immer wieder mal nachspüren. Denn ab und an beschleichen mich doch gewisse Zweifel, ob sie wirklich uneingeschränkt stimmt. Und wie verhält es sich mit dem Umkehrschluß? Ist Mehr dann eigentlich im Grunde weniger? Um Dinge wie diese sollen die Tagesgedanken kreisen. Aber nicht nur. Auch spontane Gedankenblitze sollen ihren Platz bekommen.

Machen wir uns also auf den Weg: Ich weiß auch nicht, ob er steil oder eben, glatt oder steinig werden wird. Aber das macht ja gerade mit den Reiz der Fastenzeit aus: Sie enthebt uns des Diktats des Planbaren. Vertrauen wir einfach drauf, daß uns der Weg schon gezeigt wird – und sei er zuweilen noch so schmal!

Fangen wir an! Und wenn der eine oder die andere Blog-Leser(in) Lust hat, ihre Tagesgedanken mit uns zu teilen – herzlich willkommen!

Das Froschkonzert

Frühling in den Bergen. Die Sonne strahlt vom Himmel. Ideales Wanderwetter. Also nix wie raus an die frische Luft! Vom Gasthof Schluxen bei Pinswang in Tirol über das Fürstensträßle zum Alpsee am Fuße der Bayerischen Königsschlösser soll es gehen. Schlüsselblumen und Buschwindröschen begleiten uns zu dem glasklaren See. Und erfreulicherweise sind die großen Touristenströme noch nicht da, so daß wir diese herrliche Landschaft so richtig genießen können. Immer wieder setzen wir das Ufer und strecken alle Viere von uns.

An der „Marienbucht“ in der Nähe des Mariendenkmals, das an der Tirol zugewandten Seite des Alpsees, ist es besonders still. Und besonders schön. Wir steigen über einen Baum-Veteranen, der ins Wasser gestürzt ist, und setzen uns ans Ufer.

Doch Halt! Ganz still ist es nicht. Denn die Frösche und Kröten haben diesen Winkel des Gewässers seit kurzem in Besitz genommen. Sie sind wohl grad erst aus dem Winterschlaf erwacht. Abgleicht haben Sie noch nicht. Im Moment ist wohl eher das faule Sich-Treiben-Lassen angesagt. Wie gut’s die doch haben!

Manche rangeln auch miteinander wie die Schulkinder, necken sich, lassen sich gleich wieder los. Aber die meisten veranstalten ein Froschkonzert vom Feinsten! Mal rumort es, als würde ein Propellerflugzeug gerade angeworfen, manchmal knattert es wie ein Mofa, dann wird es leiser. Aber ganz still nie, denn sofort schwillt es wieder an.

Es sind die Männchen, die besonders laut rufen. Ihre Sehnsucht erfüllt die Marienbucht. Das alte Spiel: Die Jungs haben nur das eine im Kopf, die Mädels lassen sich locken. Es wird gebalzt, daß es eine wahre Pracht ist.

So sehr mich das begeistert, so sehr erschreckt es mich auch: Aus meiner Kindheit kannte ich den Klang noch. Aber dann kamen die Neubaugebiete, die keinen Halt mehr kannten. Und die neuen Bürgern, die aus der Stadt in die Dörfer zogen, waren genervt von der Frosch-Hochzeit. „Die Viecher müssen weg“, beklagten sie sich über die „Ruhestörung“. Und die Bürgermeister und Gemeinderäte folgten ihnen. Auch an unserem schönen Albrand.

Wie weit ist es doch in  und mit unserem Land gekommen?! Erst klagt man über und (sogar vor Gericht) gegen das Gequake – und dann ist man entsetzt vom „stummen Frühling“!

In meinen Ohren klingt das Gequake wie Musik. Regelrecht meditativ. Es erinnert mich zuweilen an den Singsang buddhistischer Mönche.

Und ein Lied aus meiner Kindheit kommt mir in den Sinn. In den ersten Jahren im Gymnasium mußten wir es singen: „Heut ist ein Fest bei den Fröschen am See – Ball und Konzert und ein großes Diner. Quak, quak, quak!“

Und es macht mich traurig, daß unsere Kinder das heutzutage kaum mehr in natura erleben können.

Gedanken zum Tage

Wieviel Gedanken gehen einem so durchschnittlich am Tage durch den Kopf? Das kann wohl keiner sagen. Das Ziel von Meister Eckhart, dem berühmten Mystiker des deutschen Mittelalters, oder der Zen-Mönche ist zwar die „Abgeschiedenheit“ (wie Eckhart sagt) – im Grunde also die totale Gedanken-Losigkeit. Esoteriker sprechen von 60 000 (und nur drei Prozent davon seien aufbauend). Ich halte das noch für viel zu wenig, denn auch die Nacht gehört zum Tage – und was geht einem nicht alles im Schlaf durch den Kopf!

Neurowissenschaftler sprechen von 40 000 Reizen pro Sekunde (!), die durch unser Gehirn schießen. Wie soll man da noch den Überblick behalten?! Unmöglich. Aber auch nicht wichtig.

Und alle aufzuzählen, ist ja auch nicht der Sinn dieses Blogs. Ich möchte nur an ein paar Dinge teilhaben lassen, die mir so am Tag spontan durch den Kopf gehen und mich auf irgendeine Art und Weise berühren – egal, ob sie mich freuen oder ärgern, begeistern oder niederschlagen, jubeln oder verzweifeln lassen.

Plan hab ich keinen. Der Zufall soll regieren. Ich bin schon gespannt, was mir (und damit auch Euch Lesern) so alles zu-fällt…

Und ich hoffe, daß das eine oder andere dann doch aufbauend ist.

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